Durch welches Muster können Vögel Fenster erkennen und Kollisionen vermeiden?
Kollisionen mit Glasscheiben sind ein erhebliches Risiko für Vögel, sogar für ganze Vogelpopulationen. Die bekannten Greifvogel-Aufkleber sind dabei nicht so hilfreich wie andere Muster. Aber welche?
Auf Fensterscheiben im öffentlichen Raum ist häufig ein Vogel-Muster zu sehen. Besonders auf etwas größeren Scheiben finden sich Silhouetten von Greifvögeln, welche Vögel dabei helfen sollen, Glas als solches zu erkennen und zu umfliegen. Außerdem sollen diese Formen als Abschreckung dienen mit der Annahme, dass sich die Vögel nicht einem natürlichen Fressfeind nähern würden.
Unsichtbare Fenster
Aber warum sind Fenster eigentlich ein Problem für Vögel? Zunächst muss man beachten, dass Vögel die Welt potenziell anders sehen als wir Menschen. Eine vollständig transparente Glasscheibe ist für uns kaum wahrzunehmen und für Vögel anscheinend effektiv unsichtbar. Gleichzeitig ist es in Räumen tagsüber dunkler als draußen, wodurch Fenster die Außenwelt reflektieren. Wenn der Unterschied besonders groß ist, ähnelt das Fenster dann einem Spiegel, wie im unteren Bild zu sehen ist. [1]

Kollisionen mit Gebäuden und speziell reflektierenden Fenstern werden aktuell als eine der größten durch Menschen geschaffenen Gefahren für globale Vogelpopulationen angesehen. Die Forschung scheint sich hier unsicher zu sein, ob der größte Faktor der Verlust von Lebensraum [1] oder die Jagd durch Hauskatzen ist [2], wobei letzteres typischerweise genannt wird. Aber darum soll es hier nicht gehen. Global gibt es nur sehr grobe Schätzungen, allerdings werden in den USA zwischen 365 und 988 Millionen jährliche Todesfälle durch Gebäudekollisionen geschätzt [2]. 56% davon stammen von Flachbauten, 44% von Wohnhäusern und unter ein Prozent von Hochhäusern. Einige Arten, z.B. der Papstfink oder die Walddrossel scheinen dabei deutlich gefährdeter zu sein. Um dieser Bedrohung entgegenzuwirken hat die Forschung auf diesem Gebiet zugenommen.

Welche Muster helfen?
In der Forschung konnte der scheinbar positive Effekt der Greifvogel-Abbildungen, welche in Deutschland so verbreitet sind, noch nicht empirisch bestätigt werden. Einige Studien konnten eine Verminderung der Kollisionen feststellen, diese wies allerdings keine statistische Signifikanz auf [3]. Das bedeutet, dass die Möglichkeit einer zufälligen Veränderung zwischen den Stichproben nicht ausreichend ausgeschlossen werden kann. Wenn die bekannten Silhouetten nicht ihren Zweck erfüllen, warum werden sie genutzt und gibt es Alternativen? Ersteres kann ich leider nicht beantworten, aber es existieren weitere Muster, welche vielversprechendere Ergebnisse liefern, z.B. Punkte, Streifen oder auch UV-reflektierende Aufkleber. Zwei interessante Studien dazu möchte ich folgend kurz beschreiben.

Forscher aus São Carlos in Brasilien konnten 2019 feststellen, dass in ihrem Versuch Punkte auf den Fenstern effektiver waren als Greifvögel-Silhouetten. Gleichzeitig stellen sie die Vermutung auf, dass es sich hierbei um einen Effekt der abgeklebten Fläche handelt. Wenn auf einem Fenster Punkte angebracht werden, dann geschieht dies großflächig im Gegensatz zu vereinzelten Aufklebern. [3]
Bereits 2015 untersuchten Wissenschaftler aus Wien verschiedene Muster in ihrer Effektivität, Vogelkollisionen zu verhindern. Ihr Experiment wurde kontrollierter als die eben erwähnte Studie in einem Tunnel durchgeführt mit über 1400 Versuchen. Dabei konnten Vögel beim Durchflug zwischen zwei Abschnitten des Tunnels wählen, wobei nur einer die Scheibe mit dem Muster hatte und der andere Abschnitt leer war. Bevor Vögel die Scheibe getroffen hätten, wurden sie mit einem Netz abgefangen. Die Forscher stellten den Erfolg der Markierungen in Relation zu der abgedeckten Fläche des Fensters und fanden, dass mehr Fläche nicht unbedingt zu besseren Ergebnissen führt. Allerdings sollte trotzdem das gesamte Fenster mit dem Muster bedeckt sein, wie ich bereits vorher als Theorie der Wissenschaftler aus São Carlos erwähnte. In ihren Tests musste jede Markierung mindestens 0,2cm groß sein, um von Vögeln als Hindernis erkannt zu werden. Interessanterweise haben vertikale Streifen besser abgeschnitten als horizontale Streifen und erzielen ähnliche Ergebnisse wie Raster aus Punkten oder Quadraten, benötigen gleichzeitig aber weniger Fläche. [4]

Wie sind die Ergebnisse einzuordnen?
Für die Zunkunft ist es am wichtigsten, die Bedrohung für Vögel durch menschliche Bauwerke ernstzunehmen. Besonders große Glasflächen stellen eine Gefahr dar. Ich muss selbst zugeben, dass ich diese modernen Gebäude ästhetisch sehr ansprechend finde. Es muss eine Balance zwischen Vogelschutz, welcher durch das menschengeschaffene Problem erst notwendig wird, und der Ästhetik von Gebäuden gefunden werden. Vorhandene gefährdete Glasflächen können mit entsprechenden Mustern nachgerüstet werden und beim Neubau sollte es direkt in die Planung einfließen. Forscher haben gezeigt, dass die klassischen Greifvogel-Muster eher unzuverlässigen Schutz bieten und stattdessen Raster von Punkten oder vertikale Streifen zum Einsatz kommen sollten. Möglicherweise stören letztere den Blick nach draußen auch weniger, wie im obigen Bild zu sehen ist. In den kommenden Jahren hat ebenso die Forschung das Potenzial, weitere Vorschläge, wie z.B. UV-reflektierende Fenster, auf ihre Effektivität zu testen. Möglicherweise muss so die Ästhetik von neuen Gebäuden mit großen Glasflächen kaum beeinträchtigt werden.
Quellen sind den Angaben in Klammern zu entnehmen:
[1]: Klem, D. (2015). Bird–Window Collisions: A Critical Animal Welfare and Conservation Issue. Journal of Applied Animal Welfare Science, 18(sup1), S11–S17. https://doi.org/10.1080/10888705.2015.1075832
[2]: Loss, S. R., Will, T., Loss, S. S., & Marra, P. P. (2014). Bird–building collisions in the United States: Estimates of annual mortality and species vulnerability. The Condor, 116(1), 8–23. https://doi.org/10.1650/CONDOR-13-090.1
[3]: Ribeiro, B. C., & Piratelli, A. J. (2020). Circular-shaped decals prevent bird-window collisions. Ornithology Research, 28(1), 69–73. https://doi.org/10.1007/s43388-020-00007-0
[4]: Rössler, M., Nemeth, E., & Bruckner, A. (2015). Glass pane markings to prevent bird-window collisions: Less can be more. Biologia, 70(4), 535–541. https://doi.org/10.1515/biolog-2015-0057