Studie stellt Singvögel als Bestäuber von Pflanzen in Mitteleuropa fest

Forscher aus Großbritannien fanden heraus, dass neben Insekten und spezialisierten Vögeln wie Kolibris auch Singvögel wichtig bei der Bestäubung von Pflanzen sind. Besonders früh blühende Pflanzen profitieren davon.

Studie stellt Singvögel als Bestäuber von Pflanzen in Mitteleuropa fest
Die Blaumeise trägt u.a. zur Bestäubung der Sal-Weide bei, hier trägt sie sichtbar gelbe Pollen in ihrem Gefieder (Quelle: Anderson, S. H., Perry, G. L. W., & Thorogood, R. (2026). Generalist passerine birds perform a functional role as pollinators in temperate Europe. Journal of Ecology, 114, e70361. https://doi.org/10.1111/1365-2745.70361; Lizenz: CC BY 4.0)

Bei der Bestäubung von Blüten denkt man automatisch an Bienen und möglicherweise allgemeiner an Insekten. Im ersten Moment kommen Vögel dafür nicht in Frage. Hat man sich etwas mehr mit dem Thema beschäftigt oder einige Naturdokumentationen gesehen, werden Spezialisten wie Kolibris auffallen. Sie erreichen durch ihren langen Schnabel und die Möglichkeit, auf der Stelle zu fliegen, den Nektar von tiefen Blüten. Die Anpassung von Blumen auf die Bestäubung von Vögeln wird Ornithophilie genannt. Vogel-Familien, welche bei diesen spezialisierten Pflanzen die Bestäubung übernehmen, umfassen Kolibris, Nektarvögel und Honigfresser. Obwohl das mehr sind als man zunächst erwartet, handelt es sich hier um aufeinander abgestimmte Evolution von Pflanzen und Vögeln.

Ein Indiennektarvogel fliegt vor Blüten
Der Indiennektarvogel ernährt sich hauptsächlich von Nektar und bestäubt damit die Blumen

Forscher von der University of Auckland, University of Cambridge und University of Helsinki hatten sich die Frage gestellt, ob die Bestäubung ebenso von nicht-spezialisierten Vögeln durchgeführt wird. In Neuseeland wurde bereits festgestellt, dass Vögel einen signifikanten Beitrag zur Bestäubung von nicht-spezialisierten Pflanzen leisten, weshalb ähnliche Untersuchungen in Großbritannien von den Forschern durchgeführt wurden.

Tatsächlich konnte festgestellt werden, dass Singvögel einen signifikanten Beitrag zur Bestäubung leisten. Im Ergebnis stellten sich Insekten als die wichtigeren Bestäuber heraus, wobei Vögel vergleichsweise selten, aber zuverlässig, die Blüten aufsuchten. Voraussetzung ist, dass die Pflanzen nicht zu speziell auf einzelne Bestäuber angepasst sind. So muss u.a. der Nektar ausreichend zugänglich für Vögel sein, damit diese Blüten aufsuchen. Von den sieben identifizierten Pflanzen, welche ihren Nektar relativ offen und damit zugänglich für Vögel haben, wurden einige deutlich bevorzugt. Speziell waren die zeitig, also im Frühjahr, blühenden Pflanzen beliebter. In der Studie war das die Sal-Weide und der Schlehdorn. Bei sehr späten Blühern, z.B. der Hundsrose, waren nahezu ausschließlich die Insekten am Nektar interessiert und nur wenige Vögel trugen die Pollen im Gefieder.

Kätzchen einer Sal-Weide
Die Singvögel der Studie trugen oft Pollen der Sal-Weide an sich, welche relativ früh im Jahr blüht

Als wahrscheinliche Bestäuber konnten die folgenden Arten festgestellt werden: Birkenzeisig, Gartengrasmücke, Mönchsgrasmücke, Fitis, Dorngrasmücke, Zilpzalp, Zaunkönig, Blaumeise und Gimpel. Obwohl die Studie in Großbritannien durchgeführt wurde, ist der Großteil dieser Arten auch in Deutschland in den Sommermonaten vertreten. Ausschließlich der Birkenzeisig nutzt Deutschland nicht als Brutgebiet. Somit ist anzunehmen, dass als wahrscheinliche Bestäuber eingestuften Arten auch hier einen Beitrag zur Bestäubung leisten.

Weiterhin wurde festgestellt, dass die Bestäubung durch Vögel bei den untersuchten Pflanzen-Arten eine deutliche Auswirkung auf die Ausprägung des Fruchtansatzes hat. Das bedeutet, dass Vögel für eine erfolgreiche Bestäubung sorgen und nicht nur Pollen im Gefieder tragen, die am Ende nicht bei anderen Blüten ankommen. Als die Forschenden Vögel davon abhielten, Blüten aufzusuchen, wiesen diese geringeren Fruchtansatz auf. Besonders stark war der Effekt bei zeitig blühenden Pflanzen. Sie spekulieren, dass dieser Zusammenhang auf die Abwesenheit von Insekten im Frühjahr zurückzuführen ist. Einerseits finden Vögel in dieser Zeit weniger Insekten, von denen sie sich ernähren können, wodurch sie auf alternative Nahrungsquellen wie Nektar ausweichen. Andererseits haben Pflanzen, welche auf Fremdbestäubung angewiesen sind, zu derselben Zeit weniger Insekten als Bestäuber. Somit nimmt der Stellenwert für Vögel in der Bestäubung über das Jahr hinweg ab, da die Anzahl der Insekten zunimmt.

Für mich war die Feststellung, dass Singvögel wichtige Bestäuber von heimischen Pflanzen sind, sehr überraschend. Die Spezialisten wie Kolibris kannte ich bereits, aber auch für die Forschung scheint diese Erkenntnis recht neu zu sein. Historisch gesehen wurde die Möglichkeit davon in Forschung abgetan, aber zum Glück trotzdem erneut aufgegriffen, wodurch diese Ergebnisse erzielt werden konnten.


Quelle: Anderson, S. H., Perry, G. L. W., & Thorogood, R. (2026). Generalist passerine birds perform a functional role as pollinators in temperate Europe. Journal of Ecology, 114, e70361. https://doi.org/10.1111/1365-2745.70361

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